Ich gebe auf. Oder wie Gundermann sang: Ich mache meinen Frieden?
Nur zur Einordnung der Situation. Ich sitze in Zürich am Zürisee. Dahinter hat irgendwer wieder so eine Alpenpappkulisse geklebt und es sieht alles so verdammt romantisch-kitschig aus, als wäre die Welt ein wundervoller Ort und ich müsste mich gar nicht anstrengen, um das zu begreifen. Doch es gibt ein Problem: Menschen. In dieser Stadt, auf der Bahnhofstraße entlang schlendernd wird besonders deutlich, wie viel Geld und Ressourcen täglich verschwendet werden: die Kleidung, die Autos, die Einkaufstüten, die den Überfluss scheinbar beiläufig zeigen sollen. Hier und überall auf der Welt. Gerade habe ich einem Iraner erklärt, dass der Baum, dessen Beere er zerdrückte, eine Eibe, giftig sei. Gestern war er noch in Italien und morgen wird er in Deutschland sein. Er ist geschäftlich hier und um die Länder zu sehen. Zum Bahnhof wird ihn die Bahnhofsstraße kaum führen. Mich nachher schon, denn ich sitze hier nur, weil die ÖBB (Fußnote: wer die Abkürzungen der europäischen Bahnen nicht kennt, ist falsch in diesem Text) mich gestern per Mail darauf hinwies dass mein Nachtzug heute Abend nicht wie geplant hier abfahren wird, sondern erst ab Mannheim. Ich habe ungläubig bei der ÖBB angerufen, um das zu verifizieren, und es wurde mir bestätigt. Heute hier am Bahnhof Zürich, als ich extra eher eintreffend bei der SBB nachfragte, ob mein Ticket jetzt auch sicher schon für eine frühere Verbindung tagsüber gültig sei, konnten sie das gar nicht verstehen. Hier wusste niemand davon und der Nachtzug war auch morgens, wie geplant, eingetroffen und würde heute Abend wie geplant fahren, so die Auskunft. Ein weiteres Telefonat mit der ÖBB führte auch dort zu Verwirrung und der Aussage, dass ich im Zweifel den Schweizer trauen solle. Nun gut, ich werde es heute Abend herausfinden.
Bis dahin sitze ich hier, höre dem Platschen der Wellen des Sees an die Promenade zu, beobachte Menschen und versuche, sie zu verstehen. Die alte Frau neben mir auf der Bank hat sich soeben ein Eis gekauft und wieder zu mir gesetzt und gemeinsam beobachten wir ein junges Mädchen, das sich von ihrer Freundin fotografieren lässt. In schwarzen hohen Lederstiefeln, unter denen weiße Kniestrümpfe hervorlugen, eine kurze Sporthose, ein weißes T-Shirt und die Sonnenbrille auf der Nase ein bisschen vorgeschoben. Sie posiert mit einer sichtbar teuren Handtasche und einem Buch von Penguin Books mit schwarz-weißem Cover. Ich kann den Titel nicht erkennen. Zwei Frauen sind abgebildet, die einander liebkosen. Die alte Frau schüttelt den Kopf über den Kleidungsstil und die Handyfotografiererei. Auch ich, wirft sie mir vor, sei am Handy. Sie erzählt mir, dass sie gerade ihren Bruder in der Klinik besucht habe, wo er schon seit Längerem sei - Parkinson. Wäre doch lieber er gestorben, als ihr Mann, der vor einem Jahr, obwohl sein Leben lang gesund, plötzlich verstarb. So plötzlich dann doch wieder auch nicht. Anderthalb Jahre musste sie ihn pflegen und jetzt ist sie allein mit dem undankbaren Bruder, der gerade auch noch Alzheimer bekommt. Ich frage sie, ob sie zufrieden sei mit ihrem Leben. Sie zuckt die Achseln und murmelt "Irgendwie schon". Zum Glück könne sie gut organisieren, so habe sie es geschafft, das gemeinsame Haus zu verkaufen. Neun Zimmer und ein großer Garten, den sie vermisse. Auch damals hat ihr geholfen, dass sie durchziehen könne, als sie das Haus gemeinsam mit ihrem Mann neben der Arbeit saniert und ausgebaut habe. Sie klagt ein wenig über die Welt dieser Tage und ihren drohenden Untergang. Ich stimme ein und sie lacht, als ich sage, die Menschen würden halt nicht aus ihren Fehlern lernen.
Aber mir ist nicht zum Lachen. Wie gerne würde ich dazu beitragen, diese Welt zu verändern, sie auch in Zukunft bewohnbar zu halten, die Menschen aus ihren Tretmühlen befreien, den Kriegen ein Ende setzen. Und während ich das schreibe, höre ich, wie naiv es klingt. Glaube ich das wirklich immer noch? Eben nicht mehr. Und darum geht es hier.
Die Menschen legen es, wie alle anderen Spezies auch, darauf an, sich zu vermehren und auszubreiten, bis es nicht mehr weiter geht und ihre Lebensgrundlage vernichtet ist. Einzelne mögen die Reflexionsgabe haben, zu sehen, dass das passiert und zu warnen und vielleicht sogar Vorschläge zu machen, wie es zu verhindern sei, aber die Spezies insgesamt ist invasiv und verleibt sich ein, was sie kann.
Wenn es knapp und eng wird, dann ist niemand bereit etwas abzugeben. Wenn es um den Nächsten geht, sind alle bereit zu betrügen und dafür zu sorgen, dass dieser mehr bekommt, als jemand Unbekanntes, Fremdes. Und nicht nur das, viele glauben, sie hätten ein Anrecht auf mehr, sie seien bessere Menschen, wertvoller und dürften mehr Raum beanspruchen als Andere. Womit das begründet wird, ist unterschiedlich, aber egal. Für andere Spezies, Pflanzen wie Tiere, selbst wenn sie unsere Lebensgrundlage darstellen, bleibt da kein Platz. Dafür müssten wir ja in die Zukunft schauen. Aber wir entscheiden aus dem Moment heraus. Wir kaufen das, worauf wir jetzt gerade Appetit haben, das, was unsere Apps uns jetzt gerade empfehlen, und das, wofür unser Geld jetzt gerade noch reicht - an morgen denken fällt uns so schwer.
Deswegen laufen die Rettungsbemühungen ins Leere und zurück bleibt nur die Wut. Meine Wut auf die Dummheit der Menschen und die Wut der Menschen auf meine ewigen kassandrischen Ermahnungen, die sie nicht hören wollen, weil sie so weitermachen wollen wie bisher. Weil der Abend lau ist, die Stimmung entspannt, denn an jeder Ecke fließt genießbares Wasser aus einem Brunnen und irgendwie finden sie sich so schön und liebenswert vor den Fassaden der teuren Boutiquen, dem Fließen des Flusses, dem Panorama der Berge. Ich bin nur eine kleine lästige Fruchtfliege, die der Anzugmann mit Zigarre, die Porscheefahrer, die verliebten Paare nicht einmal wahrnehmen.
Und deswegen höre ich auf: zu glauben, dass ich etwas ändern könnte, dass wir gemeinsam uns konstruktiv entwickeln könnten, dass unsere Welt, Kultur, wie wir sie kennen, zu retten sei. Ich ziehe mich zurück und sorge für mich, mein eigenes Wohlbefinden und das meines unmittelbaren Umfeldes. Ich kaufe ein Häuschen als Refugium: jetzt noch zur Erholung und als Sehnsuchtsort, später vielleicht zur Rettung und als Fluchtort.
Nennt mich verrückt, aber es wird wieder passieren, die Menschen werden einander wieder vernichten, das was sie Umwelt nennen sowieso, und ich habe weder die nötige Kraft, noch die nötige Überzeugung, um auch nur einen von euch davon abzuhalten. Ich habe es versucht. Vielleicht aus der Sicht eines irgendwie vogelperspektivischen Richters nicht genug oder mit falschen Mitteln. Mag sein, aber mir fällt auch nichts Besseres mehr ein.
Und deshalb ist ab morgen Schluss. Ihr könnt für euch selber sorgen, ich sorge für mich. Wenn mich jemand um Hilfe und Rat bittet, werde ich weiterhin helfen, aber sonst nicht. Und ich werde auch nicht da sein, wenn ihr mich plötzlich ruft. Schluss mit dem Größenwahn, niemand ruft. Genießt eure Stunden, solange es noch geht. Schenk mir ein Glas ein, spiel die Musik, ein letzter Kuss, eine letzte Träne, nochmal an Tschechow gedacht.
Der Nachtzug fuhr fast wie geplant, nur fünf Minuten eher, wegen einer Umleitung. Ich war rechtzeitig da, habe meine Liege bezogen und im sanften Schaukeln tief und fest geschlafen. Fast fühlte ich mich sicher, da wurden wir in Leipzig, zwei Stationen vor dem Ziel, unsanft geweckt und mussten plötzlich umsteigen. Die Bahn erinnerte uns an Camus, an Sisyphos, unsere vergeblichen und doch unvermeidlich endlosen Versuche, Ordnung im Chaos zu stiften.