Mittwoch, 10. September 2025

Abschied vom Größenwahn

Ich gebe auf. Oder wie Gundermann sang: Ich mache meinen Frieden?

Nur zur Einordnung der Situation. Ich sitze in Zürich am Zürisee. Dahinter hat irgendwer wieder so eine Alpenpappkulisse geklebt und es sieht alles so verdammt romantisch-kitschig aus, als wäre die Welt ein wundervoller Ort und ich müsste mich gar nicht anstrengen, um das zu begreifen. Doch es gibt ein Problem: Menschen. In dieser Stadt, auf der Bahnhofstraße entlang schlendernd wird besonders deutlich, wie viel Geld und Ressourcen täglich verschwendet werden: die Kleidung, die Autos, die Einkaufstüten, die den Überfluss scheinbar beiläufig zeigen sollen. Hier und überall auf der Welt. Gerade habe ich einem Iraner erklärt, dass der Baum, dessen Beere er zerdrückte, eine Eibe, giftig sei. Gestern war er noch in Italien und morgen wird er in Deutschland sein. Er ist geschäftlich hier und um die Länder zu sehen. Zum Bahnhof wird ihn die Bahnhofsstraße kaum führen. Mich nachher schon, denn ich sitze hier nur, weil die ÖBB (Fußnote: wer die Abkürzungen der europäischen Bahnen nicht kennt, ist falsch in diesem Text) mich gestern per Mail darauf hinwies dass mein Nachtzug heute Abend nicht wie geplant hier abfahren wird, sondern erst ab Mannheim. Ich habe ungläubig bei der ÖBB angerufen, um das zu verifizieren, und es wurde mir bestätigt. Heute hier am Bahnhof Zürich, als ich extra eher eintreffend bei der SBB nachfragte, ob mein Ticket jetzt auch sicher schon für eine frühere Verbindung tagsüber gültig sei, konnten sie das gar nicht verstehen. Hier wusste niemand davon und der Nachtzug war auch morgens, wie geplant, eingetroffen und würde heute Abend wie geplant fahren, so die Auskunft. Ein weiteres Telefonat mit der ÖBB führte auch dort zu Verwirrung und der Aussage, dass ich im Zweifel den Schweizer trauen solle. Nun gut, ich werde es heute Abend herausfinden.

Bis dahin sitze ich hier, höre dem Platschen der Wellen des Sees an die Promenade zu, beobachte Menschen und versuche, sie zu verstehen. Die alte Frau neben mir auf der Bank hat sich soeben ein Eis gekauft und wieder zu mir gesetzt und gemeinsam beobachten wir ein junges Mädchen, das sich von ihrer Freundin fotografieren lässt. In schwarzen hohen Lederstiefeln, unter denen weiße Kniestrümpfe hervorlugen, eine kurze Sporthose, ein weißes T-Shirt und die Sonnenbrille auf der Nase ein bisschen vorgeschoben. Sie posiert mit einer sichtbar teuren Handtasche und einem Buch von Penguin Books mit  schwarz-weißem Cover. Ich kann den Titel nicht erkennen. Zwei Frauen sind abgebildet, die einander liebkosen. Die alte Frau schüttelt den Kopf über den Kleidungsstil und die Handyfotografiererei. Auch ich, wirft sie mir vor, sei am Handy. Sie erzählt mir, dass sie gerade ihren Bruder in der Klinik besucht habe, wo er schon seit Längerem sei - Parkinson. Wäre doch lieber er gestorben, als ihr Mann, der vor einem Jahr, obwohl sein Leben lang gesund, plötzlich verstarb. So plötzlich dann doch wieder auch nicht. Anderthalb Jahre musste sie ihn pflegen und jetzt ist sie allein mit dem undankbaren Bruder, der gerade auch noch Alzheimer bekommt. Ich frage sie, ob sie zufrieden sei mit ihrem Leben. Sie zuckt die Achseln und murmelt "Irgendwie schon". Zum Glück könne sie gut organisieren, so habe sie es geschafft, das gemeinsame Haus zu verkaufen. Neun Zimmer und ein großer Garten, den sie vermisse. Auch damals hat ihr geholfen, dass sie durchziehen könne, als sie das Haus gemeinsam mit ihrem Mann neben der Arbeit saniert und ausgebaut habe. Sie klagt ein wenig über die Welt dieser Tage und ihren drohenden Untergang. Ich stimme ein und sie lacht, als ich sage, die Menschen würden halt nicht aus ihren Fehlern lernen.

Aber mir ist nicht zum Lachen. Wie gerne würde ich dazu beitragen, diese Welt zu verändern, sie auch in Zukunft bewohnbar zu halten, die Menschen aus ihren Tretmühlen befreien, den Kriegen ein Ende setzen. Und während ich das schreibe, höre ich, wie naiv es klingt. Glaube ich das wirklich immer noch? Eben nicht mehr. Und darum geht es hier.

Die Menschen legen es, wie alle anderen Spezies auch, darauf an, sich zu vermehren und auszubreiten, bis es nicht mehr weiter geht und ihre Lebensgrundlage vernichtet ist. Einzelne mögen die Reflexionsgabe haben, zu sehen, dass das passiert und zu warnen und vielleicht sogar Vorschläge zu machen, wie es zu verhindern sei, aber die Spezies insgesamt ist invasiv und verleibt sich ein, was sie kann.

Wenn es knapp und eng wird, dann ist niemand bereit etwas abzugeben. Wenn es um den Nächsten geht, sind alle bereit zu betrügen und dafür zu sorgen, dass dieser mehr bekommt, als jemand Unbekanntes, Fremdes. Und nicht nur das, viele glauben, sie hätten ein Anrecht auf mehr, sie seien bessere Menschen, wertvoller und dürften mehr Raum beanspruchen als Andere. Womit das begründet wird, ist unterschiedlich, aber egal. Für andere Spezies, Pflanzen wie Tiere, selbst wenn sie unsere Lebensgrundlage darstellen, bleibt da kein Platz. Dafür müssten wir ja in die Zukunft schauen. Aber wir entscheiden aus dem Moment heraus. Wir kaufen das, worauf wir jetzt gerade Appetit haben, das, was unsere Apps uns jetzt gerade empfehlen, und das, wofür unser Geld jetzt gerade noch reicht - an morgen denken fällt uns so schwer.

Deswegen laufen die Rettungsbemühungen ins Leere und zurück bleibt nur die Wut. Meine Wut auf die Dummheit der Menschen und die Wut der Menschen auf meine ewigen kassandrischen Ermahnungen, die sie nicht hören wollen, weil sie so weitermachen wollen wie bisher. Weil der Abend lau ist, die Stimmung entspannt, denn an jeder Ecke fließt genießbares Wasser aus einem Brunnen und irgendwie finden sie sich so schön und liebenswert vor den Fassaden der teuren Boutiquen, dem Fließen des Flusses, dem Panorama der Berge. Ich bin nur eine kleine lästige Fruchtfliege, die der Anzugmann mit Zigarre, die Porscheefahrer, die verliebten Paare nicht einmal wahrnehmen.

Und deswegen höre ich auf: zu glauben, dass ich etwas ändern könnte, dass wir gemeinsam uns konstruktiv entwickeln könnten, dass unsere Welt, Kultur, wie wir sie kennen, zu retten sei. Ich ziehe mich zurück und sorge für mich, mein eigenes Wohlbefinden und das meines unmittelbaren Umfeldes. Ich kaufe ein Häuschen als Refugium: jetzt noch zur Erholung und als Sehnsuchtsort, später vielleicht zur Rettung und als Fluchtort.

Nennt mich verrückt, aber es wird wieder passieren, die Menschen werden einander wieder vernichten, das was sie Umwelt nennen sowieso, und ich habe weder die nötige Kraft, noch die nötige Überzeugung, um auch nur einen von euch davon abzuhalten. Ich habe es versucht. Vielleicht aus der Sicht eines irgendwie vogelperspektivischen Richters nicht genug oder mit falschen Mitteln. Mag sein, aber mir fällt auch nichts Besseres mehr ein.

Und deshalb ist ab morgen Schluss. Ihr könnt für euch selber sorgen, ich sorge für mich. Wenn mich jemand um Hilfe und Rat bittet, werde ich weiterhin helfen, aber sonst nicht. Und ich werde auch nicht da sein, wenn ihr mich plötzlich ruft. Schluss mit dem Größenwahn, niemand ruft. Genießt eure Stunden, solange es noch geht. Schenk mir ein Glas ein, spiel die Musik, ein letzter Kuss, eine letzte Träne, nochmal an Tschechow gedacht.

Der Nachtzug fuhr fast wie geplant, nur fünf Minuten eher, wegen einer Umleitung. Ich war rechtzeitig da, habe meine Liege bezogen und im sanften Schaukeln tief und fest geschlafen. Fast fühlte ich mich sicher, da wurden wir in Leipzig, zwei Stationen vor dem Ziel, unsanft geweckt und mussten plötzlich umsteigen. Die Bahn erinnerte uns an Camus, an Sisyphos, unsere vergeblichen und doch unvermeidlich endlosen Versuche, Ordnung im Chaos zu stiften.

Mittwoch, 20. April 2016

Gerechtigkeit

1. Gleichheit
Auf jeden Teller eine Schöpfkelle Kartoffeln, eine kleine Kelle Rührei und eine große Kelle Spinat. Dann der Nächste. Wieder eine Schöpfkelle Kartoffeln, da passen so 5 bis 6 Stück drauf, je nach Größe. Heute ist das nicht so genau zu erkennen. Verkocht. Zu Kartoffelmasse zusammengeklumpt. Dafür kullert nichts weg. Lässt sich gut abspachteln und gerechter portionieren. Als nächstes die kleine Kelle Rührei, da muss man genau sein, sonst gibt es gleich wieder Beschwerden, dass der Vordermann mehr hatte. Mittlerweile hat man das aber gut im Gespür. Man geht eher nach dem Gewicht als nach dem Augenmaß. Rührei kann täuschen. Aufgebauscht wirkt es viel mehr als platt. Zuletzt der Spinat. Da kommt es auf den Schwung an, sonst spritzt es. Am Kelledrehen bei halbflüssigen Inhalten kann man bei Unsereinem die Spreu vom Weizen trennen. Nächster Teller. Und schon wird man angesprochen. Unangenehm. Die müssten doch mittlerweile wissen, dass es hier keine Extrawürste gibt. Wohl ein Neuer. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder mehr will? Ist alles auf den Cent genau gerechnet. Wenn es heute Rührei mit Spinat gibt, was billig ist, ist morgen Riesenschnitzel drin. Aber nur mit genug Milch im Rührei und Wasser im Spinat. Selbst wenn mal was übrig bleibt, das kann man ja nicht vorher wissen, dass heute Hinz und Kunz erkrankt sind oder Spinat nicht essen. Jedem steht seine Portion zu und die muss dann auch da sein. Früher hab ich mal Ausnahmen gemacht. Bei so großen Jungen hab ich mich erweichen lassen und was draufgetan. Das hat sich rumgesprochen. Gleich wollten alle mehr. Natürlich nur beim Riesenschnitzel, nie beim Spinat. Und dann weiß man nicht, ob der kleine Schmächtige nicht eher was braucht als der große Kräftige. Wer ist man, das zu entscheiden. Als die Kasse leer war, war Endstation. Seitdem gibt es keine Sonderbehandlung. Jedem seinen Teil. Und wenn Einer Allergien hat, muss er sich halt was mitbringen. Für solche Sperenzchen ist hier kein Platz. Früher hat auch keiner gefragt, ob man den Fraß verträgt, da war man froh, wenn es irgendwie zu schlucken ging. Heute hat Jeder irgendwas. Das kann man sich nicht merken. Außerdem ist das auch zu praktisch. Gibt immer eine Ausrede. Aber hier gilt das nicht. Wenn du was Besonderes sein willst, dann werde Superstar oder Super-Sonstwas, dann kannst du dir Sperenzchen leisten, egal ob Eselsmilch oder ein Haufen Matratzen auf einer Erbse. Sonst sind nämlich die Ehrlichen am Ende immer die Dummen. Die Anderen haben alle ihre Ausreden und bekommen mehr und die Ehrlichen haben nichts. Denen kann man dann auch nur raten, sich was einfallen zu lassen. Und da mach ich nicht mit. Wenn alle sich nur noch die Hucke vollhauen, da bin ich raus. Ich schnall das nicht. Das war früher schon so, da wurden hinter meinem Rücken immer so Dinger gedreht und am Ende musste ich es ausbaden. Damit ist Schluss. Mich vergackeiert Keiner mehr. Einfach nicht antworten. Die geben früher oder später auf. Und gegen das Mürrische wird man abgehärtet so über die Jahre. Dankt einem ja doch Niemand, wenn man nett ist. Gibt nur wieder Beschwerden, wenn man am nächsten Tag weniger nett ist. Je weniger Beschwerden umso besser. Auf die Kellen achten, dann flutscht es. Eine Schöpfkelle Kartoffeln, eine kleine Kelle Rührei und eine große Kelle Spinat. Nächster Teller.

2. Fairness
Ich sortiere Knöpfe. Eigentlich müsste ich weiter Logos von Privatschulen auf Poloshirts anbringen, aber irgendwie bin ich unruhig. Das kommt von den vielen Eindrücken schon auf dem Weg von Zuhause hierher: an jeder Ecke wieder bunte, blinkende, lärmende Etwasse. Sie stürzen sich auf mich und die Warnungen von Mutter mich Schritt auf Schritt zu konzentrieren und die Außenwelt abperlen zu lassen sind brauchlos. Als wäre meine Haut nicht aus festen Zellen gefügt, die dicht an dicht aufgereiht sind, ist sie so dünn, alles geht durch, oder vielleicht sind es auch feine Haarrisse, die die Ärzte nicht sehen können, doch ich spüre es, wie die Dinge in mich eindringen und mich mit ihrem Vielen ausfüllen, dass mir der Schädel, sie sammeln sich immer da oben, zu platzen droht. Zum Glück sind hier in der Näherei Menschen, die verstehen mich, zumindest lassen sie mich das glauben und sie haben mir schon gedankt dafür, dass ich Ordnung schaffe mit meinem Handeln. Und anstatt mich anzuschreien, wie es Andere oft tun, stellen sie die Pflanzen in einen anderen Raum, wenn mich ihr Lebendigsein zu sehr angreift und mir meine Energie abzieht. Das Sortieren der Knöpfe gibt mir wieder etwas mehr Ruhe, wenn die Zeit zerfasert. Ich sortiere nach Farbe und Form oder auch nach speziellen Eigenschaften wie Anzahl der Löcher. Es gibt diese besonderen Knöpfe, die lassen sich nicht einsortieren. So ein dunkelroter in Nacktschnecken-Form mit kleiner Anbringungsschlaufe unten dran. Mit diesen Sonderbaren fühle ich mich verbunden, die sind ein bisschen wie ich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Anderen, die Lauten mich nicht einsortieren können und damit unzufrieden sind. Ich weiß, es ist schwierig mit mir, aber ich hoffe immer wieder, auf Menschen zu treffen, die anders als die Anderen mehr Offenheit haben. Ich erwarte nicht viel, nur dass ich so sein darf, wie ich bin, ohne mich erklären zu müssen für mein besonderes Gespür und die Handlungen, die daraus folgen. Auch ich habe meine Erfahrungen, die für die Anderen interessant sein können. Wichtig ist da nur die Voraussetzung der Bereitschaft, mir eine eigene Kategorie zu geben, so wie ich dem Nacktschneckenknopf ein eigenes kleines Fach im Kasten genehmige. Aber häufiger werfen sie mich der Einfachheit halber auf die große Resterampe und das ist es, was es am Ende kompliziert macht. Irgendwann haben sie ja vielleicht einen Mantel und erinnern sich an den dunkelroten besonderen Knopf, dass er da ganz gut an den Kragen passen würde, aber dann finden sie mich eben nicht inmitten der Reste-Kollegen und das tut mir dann auch nicht leid. Kann sein, dass es anstrengend ist, wenn es so viele Kategorien werden und so viele kleine Fächer für all die Sonderbaren nötig sind. Andererseits finde ich, die Anderen machen es sich zu leicht, wenn sie nur in zwei Kategorien denken: alt oder jung, männlich oder weiblich, normal oder verrückt. Und klar an ein Hemd passt so ein sonderbarer Knopf natürlich nicht. Wenn sie sich allerdings mal die Mühe machen, ein wenig mehr als sonst zu denken, könnten sie eben auch für diesen Knopf eine Bestimmung finden anstatt ihn auszusortieren. Dann würden sie ihrem vor sich hergetragenen Anspruch fair zu sein irgendwie gerechter, dann würde ich das auch hier im Werk spüren, dass ich wirklich geschätzt werde und nicht nur in dem Glauben gehalten werden soll, es sei so. Ich sollte jetzt lieber wieder mit den Logos weitermachen, sonst platzt denen noch der Kragen. Ich kann nur hoffen, dass die Kinder, die die Schulkleidung vielleicht mal tragen, mehr davon sehen, was da so drin steckt an Liebe von mir.

3. Verdienst
„Sie haben ihr Ziel erreicht“. Und da vorn ist auch schon eine Parklücke. Perfekt. Blinker setzen, Schulterblick, lässig einkurbeln und noch einen Zug nach vorn. Sitzt. Handbremse. Motor aus. Abschnallen. Kurz durchatmen. Noch fünf Minuten bis zum Meeting. Makeup-Check im Rückspiegel. Passt. Die Papiere sortieren. Wo ist das Protokoll? Wieso liegt es nicht obenauf? Hat Hässler wieder vergessen auszudrucken. Alte Pappnase. Einmal mit Profis arbeiten. Mannmannmann. Egal, da sind die Stichpunkte von der Telko. Mmh. Sieht düster aus für das Werk. Na mal sehen ob wir die Abwicklung noch abwenden können. Da muss aber gehörig auf die Tube gedrückt werden, damit das noch was wird. Mist: Kaffee ist kalt. Weil alle Welt im Ökowahn ist, gibt es nirgendwo mehr Styroporbecher. Und in den Pappdingern ist alles in Nullkommanichts kalt. Das muss doch nicht sein. Und da drin steht unter Garantie wieder nur diese säuerliche Plörre, seit einem halben Tag im Thermos verbittert. Aber Leistung sollen wir bringen, am besten 200 Prozent. Was denken die eigentlich, wer die sind. Sitzen da und warten auf Rettung. Dass jemand kommt und das Ruder rumreißt. Als ob die die Welt braucht, als ob sich jemand darum schert, ob so eine mittelständische Textilklitsche heute oder morgen abgewickelt wird. Ist doch ganz einfach die Rechnung. Wer liefert, bekommt geliefert. Wir müssen uns die Brötchen auch mühsam verdienen. 60, 70 Stunden pro Woche ackern wir. Da ist ein bisschen Bewegung auf dem Konto wohl nicht zu viel verlangt. Immer verfügbar, selbst im Urlaub auf Abruf. Froh, wenn uns beim Abholen in der Kita noch der Name einfällt. Was soll es, Augen zu und durch. Nur dann wollen wir es eben auch mal krachen lassen. Geiles Gemäuer, Designmöbel, dicke Wagen. Und wenn mal ein paar Stunden Zeit sind, eine kleine Shoppingtour. Abends dann Catwalk im Wohnzimmer. Eheglück. Wenn es klappt. Naja. Egal jetzt. Erst mal den Betrieb hier checken. Danach weitersehen, was heute noch drin ist. Vorher muss allerdings erst der Bericht von letzter Woche raus. Eigentlich schon vorgestern. Hätte Künzle schon längst wegschicken können. Will aber partout erst, dass ich was texte. Sonst fliegen wir aus dem Projekt, sagt er. Als ob wir nicht schon genug um die Ohren hätten. Das käme ihm so zupass. Wir erbringen die ganze Vorleistung und er kassiert Prämienpunkte. Träum weiter. Neeneenee. So nicht. Da bleib ich drin und wenn ich mich um Mitternacht nochmal ransetze. Wir liefern ab. Vor 2 Uhr nachts gibt es ja doch keinen Schlaf. Außer nach 2, 3 Gläschen. Da geht es. Ansonsten Gedankensturm. Kein Wunder. Den ganzen Tag Kundenkontakt. Dann Kinderalarm. Und abends Bürokram. Irgendwas geht immer schief. Das wurmt. Und dann die Stapel, die bleiben. Endlose To-Do-Listen. Ja klar erledigen sich die Dinge irgendwann von selbst. Nur das bringt eben nichts auf Konto. Wir rackern uns ab und am Ende bleibt die Altersarmut. Soweit soll es kommen. Wenn es nach denen geht. Deshalb habe ich auch ein hübsches Sümmchen nach Anderswo transferiert. Wäre ja noch schöner, wenn die ganzen Sozialschmarotzer sich auf unsere Kosten einen faulen Lenz machen. Das nennen die dann gerechte Umverteilung. So, jetzt aber los. Immer schön aufs Timing achten. Und lächeln. Kurzes persönliches Intro. Kommt immer an und schafft Vertrauen. Wir sitzen im selben Boot. Sonst macht die Belegschaft wieder einen auf ahnungslos und Dieanderensindschuld. Jacketknopf schließen. Mappe. Tür auf. Und raus.

Freitag, 25. März 2016

Ode an das Klagelied

Meine Tochter wächst in einer Welt auf, in der sie jederzeit jeden Wunsch erfüllt bekommen kann, sogar Wünsche, von denen sie vorher nichts wusste. Schön, denkt die Mutter und freut sich am Glück. Jedoch nicht lange. Eine kleine Verzögerung, eine winzige Verletzung, eine harmlose Kränkung und schon wird großes Drama geboten. Meine Tochter klagt über Nichtigkeiten. Woher auch soll sie wissen, was Leid ist, wenn sie es nicht kennt?
Wenn man Menschen eine Skala von positiv bis negativ gibt und sie darauf Bilder, Wörter oder Erlebnisse einschätzen lässt, verteilen sie die Skalenwerte mehr oder weniger gleichmäßig auf das angebotene Material unabhängig davon, wie sich dieses in Relation zum in der restlichen Welt verfügbaren Material verhält. Das heißt ein Bild von einem Stuhl wird positiv, wenn die anderen Bilder blutende Terroranschlagsopfer zeigen, oder negativ, wenn auf den anderen Bildern lächelnde Kleinkinder zu sehen sind. Das funktioniert sogar, wenn wir die Größe eines identischen Kreises beurteilen sollen, der einmal von kleinen Kreisen umgeben ist und einmal von großen – der Erstere wirkt größer. Die Psychologen nennen diesen Effekt Kontrasteffekt. Da wir die meisten unserer Urteile auf Dimensionen ohne Endpunkte fällen, benötigen wir einen Vergleichsmaßstab, um urteilen zu können. Diesen Vergleichsmaßstab generieren wir aus dem aktuell verfügbaren Material oder auch aus unserem Erfahrungsschatz, wodurch das resultierende Urteil entsprechend verzerrt wird. Als logische Konsequenz auf Urteile zu verzichten erscheint einleuchtend, doch selten praktikabel, da jedwede Alltagsentscheidung von ihnen abhängt. Wir müssen entscheiden, ob wir etwas essen sollten und dafür benötigen wir ein Urteil über unseren Sattheitsgrad. In einer Welt in der wir eigentlich immer satt sind, ist ein kleines bisschen weniger satt schon hungrig. Also essen wir zu viel. Nur dass es nichts nützt, wir werden nicht mehr satter. Genauso wenig wie wir uns weniger krank fühlen durch eine bessere medizinische Versorgung und gesündere Lebensbedingungen. Und wir sind auch nicht seltener beleidigt durch eine sozial-pädagogisch wertvolle Kommunikationskultur.
Was also tun wir, um unsere Urteilskraft zu verbessern? Wir fasten. Wenn wir ein paar Wochen nichts gegessen haben, wissen wir wieder was Hunger ist. Vielleicht pfeifen wir auch auf die Warnungen der Gesundheitsapostel und fühlen uns dadurch gesünder. Ab und an lenken wir unseren Blick auf die Gewaltdarstellungen aus unserer breiten Medienlandschaft, dann wirkt unser Familienleben wieder wunderbar harmonisch.
Soll ich jetzt anfangen, meine Tochter zu schlagen damit sie versteht was wirklicher Schmerz ist? Damit sie ihren Vergleichsmaßstab anpasst? Ach nein. Dann ertrage ich doch lieber ihre Klagelieder und nehme sie als einen Teil der Skala hin, deren andere Seite lautes Gelächter verspricht.

Freitag, 22. Januar 2016

Bitte um Geduld

Ich spreche mit euch über das politische Thema, das mich zurzeit am meisten bewegt. Ich spreche, um meine Gefühle und Gedanken zu reflektieren, um mehr Informationen zu bekommen, um mich mit andersartigen Meinungen auseinanderzusetzen. Allmählich verstumme ich. Denn meine Worte werden mir vorgeworfen, ich werde mit demagogischen Verschwörungsgeschichten beladen, mir werden unerschütterliche Wahrheiten präsentiert. „Aber“, rufe ich, „ich bin doch nur ein ahnungsloses Menschlein auf der ewigen Suche.“ Wieso darf ich nicht Angst fühlen, wenn ich Menschen begegne, deren Sprache ich nicht spreche und deren Kultur ich nicht kenne? Wieso darf ich nicht Mitgefühl empfinden, wenn ich Not sehe? Wieso darf ich nicht ratlos sein, wenn ich keine Lösung finde? Statt zu fühlen und zu denken, soll ich mich entscheiden – entweder dafür oder dagegen. Entweder Asylanten beschimpfen oder Nazis. Entweder Geflüchtete umarmen oder ausstoßen. Entweder offen für Neues oder Altes bewahren.
Neurowissenschaftler machen so genannte Spiegelneurone dafür verantwortlich, dass wir dazu in der Lage sind, die Gefühle der Anderen mitzuempfinden, zu spiegeln. Das nennen sie Empathie und halten dies für eine herausragende menschliche Fähigkeit. Ich glaube, dass diese Fähigkeit problematisch sein kann. Wir können uns nämlich nicht entscheiden, nicht mitzufühlen und manchmal ist das Mitfühlen so unangenehm, dass wir lieber nicht mitfühlen würden. Dann versuchen wir ganz schnell etwas dagegen zu tun, indem wir die Gefühle, die der Andere in uns auslöst, bekämpfen. Wir bekämpfen die Angst mit Wut: „Ich bin nicht ängstlich, ich bin stark!“. Die Hilflosigkeit mit Aktionismus: „Ich bin nicht hilflos, ich tue etwas!“. Die Verzweiflung mit Ideologie: „Ich bin nicht verzweifelt, ich weiß wo es lang geht!“. Die Bilder der Geflüchteten zeigen uns ängstliche, hilflose und verzweifelte Menschen. Was, wenn wir die unangenehmen Gefühle, die die Bilder in uns auslösen, aushalten und uns die Bilder genauer anschauen? Was, wenn wir uns den Menschen auf diesen Bildern öffnen, sie spiegeln und Verbindungen entdecken? Was, wenn wir erkennen, dass diese Menschen auch eine andere Seite haben, dass sie auch stark, dankbar und hoffnungsvoll sind?
Dann könnten wir anfangen über eine ganz andere Geschichte zu sprechen und das politische Thema, das mich so bewegt, wäre plötzlich verändert. Vielleicht wären wir offen für Altes und würden Neues bewahren oder geflüchtete Nazis umarmen und Beschimpfungen ausstoßen dafür und dagegen. Bis es soweit ist aber, bitte ich euch, wenn wir miteinander reden, um Geduld mit meinen Gefühlsverwirrungen, meiner Ahnungslosigkeit, meiner Unentschiedenheit.

Schnee

Und in diesem Schnee 
verliere ich all meine Tränen. 
Stürze in seine Fluten von 
weißen Kugeln getroffen,
sinke ich durch die Flocken
die Augen geschlossen vor der 
funkelnden Sonne.
  
Pulsiert das Blut warm 
in meinen Wangen, 
dass ich vergesse die Wunden 
der Kälte, den harten Stein
unter der wolkigen Decke.
Ich umarme den Schnee ganz fest.

Freitag, 17. Juli 2015

Zu langsam

Ich bin eine Frau und ich sehe den Film „Thelma und Louise“. Er ist fast ein Vierteljahrhundert alt und er spielt in einer Region, die auch heute noch im europäischen Maßstab als eher konservativ gilt. Das klassische Verhältnis von Frau und Mann ist in diesem systemkritischen Film überzeichnet, „aus meinem Leben gegriffen“ sind diese Szenen nicht. Ich könnte mich also distanzieren. Aber ich kann nicht: Das Gefühl gegen den eigenen Willen einen Schwanz in den Körper gesteckt zu bekommen ist in mich eingebrannt, ohne dass ich diese Erfahrung selber machen musste. Ich habe diese Geschichte oft genug gelesen, gehört und gesehen. Manchmal habe ich mich auch in den Mann hineingefühlt, aber dann bin ich doch wieder zurückgefallen in meinen Körper, habe meine Vagina gestreichelt und diesen Schmerz gespürt. Und diese Wut. Der Genuss ihr nachzugeben und sich zu rächen, den Spieß umzudrehen und ihn, den Mann, leiden zu lassen, ihn zu zerstören. Altbekannter Filmplot, gern gespieltes Kopfkino.
Im Hier und Jetzt sitze ich an einer Kiesgrube und der Imbiss ist geschmückt mit einer Frau in lasziver Pose (zu sehen auf dem LKW dieses ekligen Typen aus dem Film), dazu ein Spruch, der „Heißes“ verspricht. Ich denke an die Ratschläge, die ich früher bekam: „nicht direkt in die Augen schauen“, „nicht zu sexy kleiden und bewegen“, „nicht allein trampen oder nachts unterwegs sein“… und daran, dass ich sie an meine Tochter weitergeben werde. Trotzdem. Obwohl ich ihre Implikation kenne, weiß, dass sie zementieren, was schon betoniert ist. Und ich denke an die Geschichten, die wir Frauen uns nach dem dritten Glas Rotwein erzählen und die wir alle schon erlebt haben, die „Kussattacken aus dem Nichts“, die „anzüglichen Sprüche“, das „Gegrabsche und Gepfeife“… und auch ich erzähle sie immer wieder gegen die Angst, früher um mich, jetzt um meine Tochter. Und ich denke an die Rollen, die meine Freundinnen in ihren Partnerschaften und in ihren Berufen spielen, an ihr Zurückstecken, An das Sich-selbst-beschneiden und Beschnitten-werden. Am Ende kommt dasselbe Muster heraus: Wir sind die, die den Kindern die Schuhe kaufen und bei der beruflichen Verwirklichung Verzicht üben. Weil wir weich werden in unserer Forderung nach halbe-halbe, wenn wir sehen, wie viel unsere Männer im Vergleich mit Anderen geben und wie viel sie das kostet. Ich rede mir fleißig ein, dass ich einen kleinen Schritt gemacht habe, aber wieso, wieso so langsam und wann, Mutter, wann sind wir endlich da? Sollte ich doch lieber den Heldinnen nacheifern und um mich schießen. Aber was bleibt dann noch übrig?

Montag, 23. Februar 2015

Hirn hilft vor Untergang im Wissensstrom

Wenn ich mich nicht entscheiden kann oder eine Meinung benötige, begebe ich mich auf Wissenssuche. Nachdem ich mir all die mehr oder minder sachlichen Argumente meiner Freunde und Kollegen angehört habe, befrage ich auch gern die Wissenschaft. Gestern noch war das eine übersichtliche Angelegenheit, denn das zugängliche Wissen zu einem Thema war ein dünnes Rinnsal. Wollte ich etwas über den Begriff „Individualismus“ wissen, konnte ich je nach Ausmaß des Wissensdursts im Brockhaus nachschlagen, eine Wissenssendung im Fernsehen anschauen, ein Sachbuch zum Thema lesen oder mich in die Bibliothek begeben, um eine ausführliche Recherche unter Zuhilfenahme von Karteikästen zu starten. Heute, nach dem WWWandel, existieren digitale Versionen dieser Wissensquellen. Ich gebe das Wort „Individualismus“ bei Wikipedia, Youtube, Amazon oder Google-Scholar ein.
Auch nicht komplizierter als vorher – könnte man meinen. Solange ich nur ein Schlückchen Wissen nehmen möchte, ist auch noch alles halbwegs in Ordnung. Wikipedia liefert mir recht ähnlich zum Brockhaus einen Eintrag, wenngleich mit der Anmerkung versehen, dass er nicht ausreichend gut recherchiert ist. Nun gut, was weiß ich über die Recherchequalität des Brockhaus außer, dass er teuer und verbreitet ist. Sobald mich aber nach mehr dürstet, strömt von allen Seiten her Wissen auf mich ein. War ich früher froh, überhaupt eine Sendung, ein Buch oder eine Karteikarte zu meinem Thema zu finden, stoße ich heute auf überabzählbare Listen von Treffern.
Toll – könnte man meinen. Ich bin nicht mehr auf eine Quelle angewiesen, kann mich einer Vielfalt von Perspektiven widmen und der Komplexität des Themas gerecht werden. Da ich aber keine Doktorarbeit zum Thema „Individualismus in Zeiten des WWW“ schreibe, muss ich den Wissenszufluss zeitlich begrenzen: ein paar Stunden für eine Sendung oder ein Buch – selbst für eine intensivere Recherche ist nicht mehr als ein Tag drin. Das bedeutet für die Trefferliste, dass ich weniger als hundert anklicke und mich mit weniger als zehn auseinandersetze – schlussendlich bleibt ein Treffer hängen.
Na gut – könnte man meinen. Ist auch nicht weniger als vorher, nur mit dem Plus, dass ich nicht mehr von der subjektiven Auswahl der Sende-, Verlags- oder Bibliotheksleitung abhängig bin, sondern die Suchmaschine mir die passenden Treffer auf der Basis der Volksweisheit zuoberst serviert. Jedoch die Masse schwimmt mit dem Strom und ist in der Wahl ihres Weges bestechlich: zum Beispiel durch große, bunt blinkende Wegweiser, denn das Auge ist schneller als das Hirn, nur leider dessen Eingangstor. Und damit nicht genug, die Wissensabfüller nutzen dies in ihrem Sinne – der Erhöhung der Klickrate – aus. Sie reichern ihr profanes Leitungswasser geschickt mit Farbe, Lärm und all dem an, was wissenschaftlich erwiesen dem Aufmerksamkeitsheischen dient.
Schlecht – könnte man meinen. Muss ich mich wohl damit abfinden, dass ich nichts wissen kann, dass ich von den Informationsfluten hinweg getragen werde. Oder wie soll ich die Wissensbereitsteller dazu anhalten, ihre Informationen sorgfältiger zu sammeln und ehrlicher zu verpacken als die Wasserabfüller?

Ich kann jammern und flehen oder mein Hirn nutzen. Als Staudamm zwischen Auge und Finger, der verhindert, dass ich auf alles hyperaktiv klicke und das Wissen überflutet. Als Testlabor, das die Güte des Wissens prüft, anstatt auf die Herstellerangaben zu vertrauen. Als Antrieb, der es mir ermöglicht, der Auslegung des Wissens durch angebliche Autoritäten zu trotzen und meine Ausrichtung selbst zu bestimmen. Letztendlich liegt die Verantwortung, ob ich mit meinen Entscheidungen und Meinungen den vorläufigen Erkenntnissen der Wissenschaft folge oder nicht, bei mir und ist eine Frage an mein individuelles Gewissen. Gegen den Strom schwimmen kostet Kraft. Heute wie gestern.